Eberswalde – Brandenburg (German)

Location: Brandenburg
About this community: Um 1400 haben einige Juden in der Stadt gewohnt. Aus einer Urkundensammlung der Jahre 1294 – 1467 geht hervor, dass "das Haus bei den Steinen an der Jodenstraße dem Hans Blumenthal gehöre." Dieser Straßenname Joden- bzw. Jüdenstraße existiert bis heute. 1439 wurde ein Jude als Bürger in der Stadt aufgenommen, dann jedoch haben etwa 250 Jahre keine Juden mehr in Eberswalde gelebt. (jüd. Brandenburg, S. 52)
Nachdem durch den Dreißigjährigen Krieg die Mark Brandenburg verwüstet und die Bevölkerungszahl sehr dezimiert worden war, war eine der wichtigsten Maßnahmen des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm die Förderung von Einwanderung, meistens von Glaubensflüchtlingen, besonders der Hugenotten und der Schweizer Calvinisten. Auch Juden wurde durch das Kurfürstliche Edikt vom Mai 1671 erlaubt, sich wieder anzusiedeln.(Eberswalder Synagogengemeinde, S. 11) 1696, 25 Jahre später, erhielt die erste jüdische Familie wieder die Erlaubnis, sich in Neustadt-Eberswalde (Stadtname bis 1877) niederzulassen. Danach kamen weitere Juden, die je nach ihrem Vermögensstand Schutzgeld in unterschiedlicher Höhe zur Erlangung des Niederlassungsrechts zahlen mussten. Die wohlhabenden Juden besaßen vor allem in der Rosenstraße (heute Kreuzstraße) eigene Häuser. In einem dieser Häuser wurde eine Schule eingerichtet. Der Lehrer übernahm auch die Aufgaben des Schächters sowie des Kantors und Vorsängers bei den gemeinsamen Gebeten. Dazu trafen sich die Juden in einem Bethaus, das sich in der Rosenstraße Nr. 3 in einem gemieteten Hintergebäude befand und bis 1819 zu diesem Zweck benutzt wurde. 1807 war dort auch ein Gemeindebad eingerichtet worden. (jüd. Brandenburg, S. 52-53) Die bis heute existierende" Jüdenstraße" geht wohl auf die Ansiedlung von Juden im Mittelalter zurück.(Eberswalder Synagogengemeinde, S. 17)
Ab 1750 gab es zwei Klassen von Schutzjuden. Die ordentlichen Juden hatten für sich und ihre Familien einen Schutzbrief für dauernd, während die außerordentlichen diesen nur für sich auf Lebzeiten besaßen. Die ordentlichen Schutzjuden konnten schon zu Lebzeiten ihr Privileg auf eines ihrer Kinder übertragen. Falls solche Festlegung nicht zu Lebzeiten erfolgte, ging nach dem Tode des Vaters das Privileg an das älteste Kind. Alle übrigen Kinder und die Witwe blieben außerordentliche Schutzjuden. (Eberswalder Synagogengemeinde, S. 13)
1751 erwarb die Gemeinde von der Stadt für zehn Taler am Oderbergischen Weg ein Grundstück zur Anlage eines eigenen Friedhofes. Ein Zeitzeuge aus dem 19. Jahrhundert schrieb: "Der jüdische Kirchhof liegt im Judengehege, nicht sehr weit von der Georgs Kapelle. Setzt man nämlich den Spaziergang auf der Angermünder Chaussee noch ein Stück Weges fort, so sieht man dem Chausseehause gegenüber rechts ein Fichtenwäldchen auf eine kleinen Anhöhe, das Judengehege genannt. In diesem befindet sich ein von Brettern umzäunter viereckiger Raum, welcher der Begräbnisplatz der Juden ist. Darin ist ein besonderer Verschlag, in welchem die Leichenceremonien vorgenommen werden. Auf dem Kirchhof bemerkt man auch theils stehende theils umgeworfene Leichensteine mit hebräischer Inschrift, welche große Lobpreisungen der Beerdigten enthalten..." (jüd. Brandenburg, S. 54, Foto von dem ältesten erhaltenen Grabstein mit übersetzter Lobpreisung, S. 54)
1820 wurde das Hintergebäude in der Rosenstraße zu einer Synagoge umgebaut. Diese war ein Holzfachwerkgebäude mit 28 Männer- und 20 Frauensitzen. Der selbe Zeitzeuge schrieb: "Die hiesigen Juden, jetzt 16 Familien, 67 Seelen, haben ihre Synagoge oder Tempel in der Rosenstraße. Der Eingang ist im Hof des Hauses. Sie ist klein, aber reinlicher und heller als mehrere andere. Dem Eingang in die Synagoge gegenüber ist die Nische (Aron, Hechal Aron), die Arche (Arca), mit der Thora (Gesetzesrolle). In der Mitte des Tempels stehet die erhabene Sprecherbühne (Bimah, Lesestuhl). An der Wand rechts stehet in hebräischer Sprache auf einer großen Tafel das Königliche Privilegium, an den anderen Wänden die gewöhnlichen hebräischen Gebete, an der Thürpfoste die Mesusa." (jüd. Brandenburg, S. 54-55) Im Vorderhaus wurde ein rituelles Bad eingerichtet und eine Wohnung für den Lehrer. Der abgeschlossene Hofraum war geeignet für Feste und Feiern der jüdischen Gemeinde. (a.a.O.) Die Modernisierung des preußischen Staates durch die Reformgesetzgebungen von 1807 bis 1820/21 schloss die Judenemanzipation ein. Mit dem Edikt vom 11. März 1812 wurden Juden preußische Staatsbürger und den Christen gleich gestellt, sie hatten somit das Recht der freien Niederlassung und die bisher üblichen Berufsbeschränkungen fielen fort. Zugleich waren sie verpflichtet einen vererbbaren Familiennamen anzunehmen sowie Militärdienst zu leisten. 1814 waren es 20 Juden aus Neustadt-Eberswalde, die einen solchen Staatsbürgerbrief erhalten hatten. (Eberswalder Synagogengemeinde, S. 28)
1846 wurde die jüdische Gemeinde zu einem Synagogenbezirk erweitert. Dazu mussten auch die auf dem Lande lebenden Juden gemeldet werden. 1853 lebten in dem Synagogenbezirk 27 Männer, 26 Frauen, 16 Kinder über 14 Jahren und 36 darunter. Mit der Vergrößerung der Gemeinde wurde auch eine Erweiterung des Friedhofs notwendig. 1855 fanden zum ersten Mal Wahlen für den Vorstand und die Repräsentanten des neu gebildeten Synagogenbezirks Neustadt-Eberswalde statt. Gewählt wurde nach dem geltenden Dreiklassen-Wahlrecht. In der Liste der stimmfähigen Mitglieder waren fünf Mitglieder der Klasse I, deren Einkommen höher als 600 Taler lag, sieben Mitglieder der Klasse II mit einem jährlichen Einkommen zwischen 400-600 Taler und 17 Mitglieder der Klasse III mit einem jährlichen Einkommen zwischen 100 und 400 Taler. Jede Klasse hatte ein Drittel des Gemeindeetats zu bringen." (jüd. Brandenburg, S. 56-57)
"In den Folgejahren siedelten sich weitere Familien im Synagogenbezirk an. 1867 waren von 8.044 Einwohnern Neustadt-Eberswalde 175 Bürger mosaischen Glaubens (2,2% der Bevölkerung). Sie hatten einen großen Anteil am wirtschaftlichen Aufblühen der Stadt und deren baulicher Ausdehnung seit Mitte des 19. Jahrhunderts. So wurde z.B. 1876 das städtische Krankenhaus in der Karlstraße (heute Karl-Liebknecht-Straße) eröffnet, das der jüdische Arzt Sanitätsrat Dr. med. Wolf Pauly bis 1892 leitete. Als Verbindung der Altstadt mit der zum Bahnhof führenden Eisenbahnstraße entwickelte sich 1891 die Neue Kreuzstraße zur Hauptgeschäftsstraße von Eberswalde. Hier eröffneten mehrere jüdische Kaufleute ihre Geschäfte, wie z.B. Albert Jacob für Weißwaren, Louis Feintuch für Herrenkonfektion und Nathan Lindemann ein Konfektionshaus." (jüd. Brandenburg, S. 58)
Obwohl die Juden in den verschiedensten Bereichen des städtischen Lebens positiv wirkten, gab es bei einem nicht geringen Teil der Einwohner antijüdische Einstellungen. 1893 wurde der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gegründet, dem auch die Eberswalder Synagogen-Gemeinde angehörte. Ziel des Vereins, war die Abwehr des Antisemitismus. Die Synagoge in der ehemaligen Rosenstraße (seit 1884 Kreustraße) war für die inzwischen auf 200 Mitglieder angewachsene jüdische Gemeinde zu klein geworden. Am 31. Dezember 1891 konnte die Neue Synagoge in Anwesenheit zahlreicher Vertreter der städtischen Behörden und Institutionen sowie auswärtiger Gäste eingeweiht werden.(jüd. Brandenburg, S. 59) Nach dem Anzünden der ewigen Lampe und einem vom Vorbeter Herrn Rawitscher gesprochenes Gebet in hebräischer Sprache wurden "unter wechselndem hebräischen Gesang des Vorbeters und des Chors wurden die Thorarollen und heiligen Gefäße von dem Vorbeter und Mitgliedern des Vorstandes... herbeigetragen und in die heilige Lade gestellt.... Die Predigt und das Weihegebet sprach der Rabbiner Dr. Rosenzweig aus Berlin." (Eberswalder Synagogen Gemeinde, S. 52-53) Der Bauplan stammt von dem bekannten und mehrmals ausgezeichneten Berliner Architekten Ferdinand Hermann Arnold Münzberger. Finanziert wurde sie u.a. mit vielen Spendenbeiträgen von 44 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. (jüd. Brandenburg, S. 59-60) "Die mit blauen und weißen Kacheln belegte Fassade machte das Bauwerk zu einem der eindrucksvollsten und imposantesten der Stadt. Im Mittelteil der Fassade waren zwei Schrifttafeln mit den zehn Geboten in hebräischer Schrift angeordnet. Die Gestaltung der Hauptkuppel mit dem Davidstern und den beiden Nebenkuppeln erinnerte an die Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße." (jüd. Brandenburg, S. 62, Foto von der Synagoge S. 61) "Die gesamte Synagoge war mit Phantom Ornamenten in den Farben Ocker, Zinnober, Hellblau und Lila ausgemalt. Einige Stellen in der Nische waren mit Blattgold belegt. Rechts und links im Hauptraum befanden sich die Frauengalerien. Der Hauptraum selbst war mit festem Gestühl versehen. Zur notwendigen Einrichtung gehörten auch Lampen und Leuchter, deren Kerzenschein die Feierlichkeiten erhöhen sollte. Dazu brannten dem Herkommen entsprechend die beiden Kerzen auf dem Vorleserpult." In dem Bau mischten sich maurisch-byzantinische und romanische Formen mit einer pseudojüdischen Bauart, die an die orientalische Heimat erinnern sollte. (Eberswalder Synagogen Gemeinde, S.55 und 51, Photo von der Synagoge S. 50)
1910 wurde der neue Friedhof in der Freienwalder Straße eingerichtet und etwa zwanzig Jahre später dort die Friedhofshalle nach den Plänen des Berliner Architekten Walter Brand gebaut. Der Märkische Stadt- und Landbote vom 12. November 1929 rühmte den Bau: "Dieser schöne sarazenische Kuppelbau ist umso bemerkenswerter, weil er imposante Wuchtigkeit mit einer stark wirkenden Feierlichkeit vereint." (jüd. Brandenburg, S. 69, Foto auch dort)
Zur Einweihungsfeier der Friedhofshalle waren alle Mitglieder der Gemeinde, Vertreter der anderen Konfessionen, des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung anwesend. Die Weiherede hielt der Prediger Wolff. Er hob die Bedeutung des Friedhofs als Grab-, Lebens- und Ewigkeitsstätte hervor. (Eberswalder Synagogengemeinde, S. 66, Foto von der Friedhofshalle auch auf S. 66)
Durch die Reichsverfassung von 1871 und die Weimarer Verfassung von 1919 erlangten die Juden ein hohes Maß an Gleichstellung. Der Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern reduzierte sich besonders in den Städten immer mehr auf das religiöse Bekenntnis. Im Wirtschaftsleben von Eberswalde spielten die jüdischen Kaufleute weiterhin eine bedeutende Rolle. Mehrere jüdische Abgeordnete saßen im Stadtparlament. Der angesehende Rechtsanwalt Ludwig Sandberg war von 1908 bis 1932 Stadtverordneter. 1927 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Eberswalde verliehen. Auch engagierten sich Juden im sozialen Bereich. (jüd. Brandenburg, S. 67-68)
1910 lebten in Eberswalde 178 jüdische Einwohner. (Stein und Name, S. 315)
Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges meldeten sich auch zahlreiche Eberswalder Juden als freiwillige Frontsoldaten, dennoch wurden antijüdische Einstellungen in der Bevölkerung weiterhin laut. In der Weimarer Republik erlangten die Juden ein hohes Maß an Gleichstellung. Es gab mehrere jüdische Abgeordnete im Stadtparlament. Auch im Wirtschaftsleben der Stadt spielten Juden eine bedeutende Rolle. (Eberswalder Synagogengemeinde, S. 63)
Nach der Machtübertragung an die NSDAP vollzog sich auch in Eberswalde die Diskriminierung, Ausgrenzung, Entrechtung, Ausplünderung , Deportation und Ermordung der Juden. Etliche der inzwischen 280 jüdischen Bürger hatten die bevorstehende Politik der neuen Machthaber durchschaut und sahen in der Emigration die einzige Überlebenschance. In der Progromnacht vom November 1938 wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen demoliert, der Prediger Joseph Wolff musste ohnmächtig zuschauen, wie die Synagoge niedergebrannt wurde. Unter dem Vorwand der Brandstiftung wurde er verhaftet und in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Nach der Progromnacht erlag der Jude Metz den brutalen Misshandlungen. Dem Ehepaar Wolff gelang mit Tochter Betty im letzten Augenblick eine dramatische Flucht über Hamburg, die Nordsee bis nach Großbritannien und von dort in die USA. Im Jahr 1977 verstarb er in New York. Der Sohn Erich Wolff wurde im Alter von 21 Jahren in Litauen erschossen. (Eberswalder Synagogengemeinde, S. 106-107)
1942 wurden die letzten in Eberswalde zurückgebliebenen Juden nach Lublin, Minsk und Theresienstadt deportiert. Paul Looser ging an den Qualen und Entbehrungen von Theresienstadt zugrunde , seine Tochter Regina überlebte mit ihrem Mann Martin Moses. Sein Sohn Arnold Looser wurde als Geisel nach der Flucht einiger Juden auf dem Weg zum Anhalter Bahnhof erschossen. (Eberswalder Synagogengemeinde. S. 89 u. S. 115)
Auf dem alten jüdischen Friedhof stadtauswärts Richtung Chorin an der Oderberger Straße, der 1751 gegründet wurde und etwa 1000 qm groß ist, befinden sich über 150 Grabstellen. In der Mitte des Geländes steht eine mächtige Eiche mit einem Umfang von 4,20 m. In der Zeit des Nationalsozialismus soll der Friedhof nicht zerstört oder geschändet worden sein. Er war 1990 jedoch in einem verwahrlosten Zustand. Die Reste eines großen gefällten Baumes bedeckten zahlreiche am Boden liegende und zerbrochene Kindergrabsteine.(Stein und Name, S. 315-317)
Der neue jüdische Friedhof in Richtung Freienwalde hinter dem städtischen Waldfriedhof war jahrzehntelang verwildert. Die Grundmauern der 1929 eingeweihten Friedhofshalle sind verschwunden, es standen 1988 noch 53 Grabsteine.
1991 wurde der Friedhof von Aktion Sühnezeichen mit Schülern und Studenten aus Polen, Ungarn und Deutschland gründlich gesäubert, Steine wurden unter dem Laub freigelegt, die Mauer wieder hergestellt und von Fremdwuchs befreit, eine kleine Eingangspforte neben dem Haupttor rekonstruiert und ein Gehweg angelegt. (Stein und Name, S. 318)
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