Dresden – Saxony (German)

Location: Saxony
About this community: Auch für Dresden ist eine jüdische Ansiedlung in den frühen Jahren der Stadtentwicklung mit Sicherheit anzunehmen. Alte Straßen- oder Ortsbezeichnungen wie "Judengasse", "Jüdenteich" oder "Jüdenhof" deuten auf jüdische Bewohner hin. Bei letzteren soll das erste Gebetshaus gestanden haben. Auch ein Friedhof soll es bereits gegeben haben. Die "Grosse Judengasse" lag zwischen der heutigen Schloss- und der Galeriestraße, die "Kleine Judengasse" ist die heutige Galeriestraße. Es soll in diesem Umkreis auch eine Mikwe gegeben haben. Das Gebiet war nie ein Ghetto, sodass hier auch Christen lebten.
Mit den Beschuldigungen der Brunnenvergiftungen im Zuge der europäischen Pestwelle kam es Mitte des 14. Jahrhunderts zu Verfolgung und Vertreibung der Juden. Nach der Wiederansiedlung erfolgten in der ersten Hälften des 15. Jahrhunderts erneute Verfolgungs- und Vertreibungswellen, häufig verbunden mit Grundstücks- und Vermögenskonfiskationen, von denen insbesondere die Landesherren, die Stadt und die Kirche profitierten. So zum Beispiel fiel 1416 die am Jüdenhof stehende Synagoge an die Stadtverwaltung Dresden und diente von da an als Pulverlager. Um 1550 sollte der Platz im Zuge der Neugestaltung der Stadt bebaut werden. Dieses Ansinnen wurde jedoch abgewiesen, weil man befürchtete, daß 'die böhmischen Juden, die zu Jahrmarktzeiten herkämen, zum Nachtheile der Stadt ausbleiben würden' – verständlich, mußten sie doch hohe Zinsen für Leib und Waren entrichten." (zitiert nach: Juden in Dresden, Spurensuche, S. 21)
Erst um 1700 erlaubte der sächsische Kurfürst August der Starke aus wirtschaftlichen Interessen wieder die Ansiedlung einiger weniger ausgewählter jüdischer Familien in Leipzig und Dresden, die rasch zu einem wesentlichen wirtschaftlichen Faktor für den sächsischen Staat wurden. In Dresden durften sie sich wieder in der Nähe des Judenhofes niederlassen. Nicht erlaubt war ihnen der Zuzug in die städtischen Randgebiete. In der Mitte des Jahrhunderts war die Zahl der Juden so weit angewachsen, daß die 1750 gegründete Begräbnisbrüderschaft an den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. ein Ersuchen richtete, einen Friedhof anlegen zu dürfen. In diesem Zusammenhang ist die Genehmigung des Landesherren von 1751 zur Errichtung des ersten jüdischen Friedhofs in Sachsen nach den mittelalterlichen Vertreibungen zu sehen. "...der Gemeinde wurde ein Platz 'ohnweit der Prießnitz-Bach auf dem Sande vor Neustadt bey Dreßden' als Begräbnisplatz zugesprochen, allerdings zu einem sehr hohen Kaufpreis und mit Gebühren für jede Beerdigung." (zitiert nach: M.Brocke, Stein und Namen, Jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 304) In den ersten Jahrzehnten durften keine Grabsteine gesetzt, sondern nur kleine Sandsteinplatten auf die Erde gelegt werden, später durften hochstehende Grabsteine nur nach genauen Vorschriften aufgestellt werden. Die Ausrichtung der Grabsteine nach Osten wurde streng eingehalten. Die Gebühr für die Beerdigung war so hoch, daß der größte Teil der damals 800 Dresdner Juden aufgrund von Verarmung, ihre Toten tagelang liegen lassen mußten, bis sie das nötige Geld für die Beerdigung zusammengebettelt hatten. Der Friedhof wurde bis 1869 genutzt. Auf ihm befinden sich 1.265 Grabstätten. "Die ältesten Steine sind fast allesamt aus hellem Sandstein gefertigt; ihre Inschriften sind zum größten Teil der Verwitterung zum Opfer gefallen. Intakte Inschriften und gut erhaltene Symbole sind hier die Ausnahme. Die wenigen Relikte lassen aber darauf schließen, daß der Friedhof früher einen reichen Schatz an Inschriften und Zeugnissen jüdischer Sepulkralkultur barg. Der Formenreichtum der alten Sandsteinmale ist beachtlich. Neben einfachen rechteckigen Tafelformen gibt es Steine mit halbrundem Abschluß, Giebeldächern und satteldachartigen Aufsätzen sowie einzelne Doppeltafeln. Die Steine jüngeren Datums sind als Hartsteine wie Granit, Marmor usw. sehr viel besser erhalten." (zitiert nach: M. Brocke, Stein und Name, Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 306-307) Der Friedhof ist der älteste erhaltene jüdische Friedhof in Sachsen und befindet sich in der Dresdner Neustadt nördlich der Elbe zwischen Pulsnitzer- und Priesnitzstraße, in unmittelbarer Nähe zum Martin-Luther-Platz.
Im Juni 1867 wurde auf der Trinitatisstraße der Neue Israelitische Friedhof eröffnet. "Er unterscheidet sich kaum noch von christlichen Begräbnisstätten. Die Gräber sind nicht mehr konsequent nach Osten ausgerichtet und häufig mit Blumenschmuck versehen. Viele der Grabsteine tragen deutsche Inschriften, manche sind mit christlichen Symbolen verziert. 1911 wurde sogar die Feuerbestattung erlaubt. Deutlich wird hierdurch die starke Assimilierung der Dresdner Juden. Doch selbstverständlich gilt auch für diesen Friedhof die jüdische Vorschrift, daß keine Grabstätte aufgelöst werden darf. So kann der Besucher an Gräbern vorbeigehen, die über 100 Jahre alt sind – ebenso wie an jüngeren, die vom Schicksal der Bestatteten berichten: 'Gestorben in Auschwitz' oder 'Gemeinsam gestorben', letzteres meist ein Hinweis auf verzweifelte Selbstmorde, steht als stille Anklage auf vielen Steinen." (zitiert nach: Juden in Dresden, Spurensuche, S.54-55)
Der Friedhof befindet sich Ecke Feltscher- und Fiedelstraße im Bezirk Johannstadt. Er ist von einer etwa zwei Meter hohen Mauer umgeben und grenzt im Westen an den großen Trinitätsfriedhof. Es sind etwa 2000 bis 2500 Grabmale vorhanden. "Von einfachen rechteckigen Tafelformen mit Spitzgiebel oder halbrundem Abschluß, Marmorobelisken, (eine bevorzugte Gestaltungsform seit den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts), bis hin zu ovalen Marmorplatten, abgebrochenen Säulen und aufgeschlagenen Büchern reicht das Spektrum." (zitiert nach: M. Brocke, Stein und Name, Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 310-311)
Die Judenordnung von 1772 gestattete "den Juden weder eine Synagoge noch einen besonderen Ort zur Verrichtung ihrer Ceremonien", statt dessen sollte "jeder Hausvater solche mit den seinigen in möglicher Stille üben. Insgesamt gab es in Dresden sieben dieser privaten Bethäuser, die teilweise bis 1840 bestanden. Für ihren Unterhalt sorgten die Oberhäupter der Familien, deren Namen sie trugen. Es handelte sich um die Philipp Aronsche Synagoge auf der Zahnsgasse, die Bondische Synagoge auf der Schreibergasse, die Eibeschütz-Synagoge, die Kaskelsche Synagoge, die Wolfsche Synagoge, die Mendel-Schiesche Synagoge auf der Webergasse und die Sekkelsche (auch Olleksche) Synagoge hinter der Frauenkirche." (zitiert nach: Juden in Dresden, Spurensuche,S.24)
Die Erlaubnis zum Bau einer öffentlichen Synagoge erhielt die jüdische Gemeinde in Dresden sogar erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; jedoch war zuvor die behördliche Anordnung herausgegeben worden, dass alle bis dahin bestehenden Betstuben in Privathäusern geschlossen werden müssten. Am 8. Mai 1840 wurde die von Gottfried Semper entworfene Synagoge eingeweiht. Das Gebäude war im damals modernen maurischen Stil gehalten und bot 300 Männern und 200 Frauen Platz. In den angrenzenden Gebäuden in der Zeughausstraße befand sich die zentrale Gemeindeeinrichtung mit dem Gemeindeamt, der Wohnung für den Rabbiner, der Wohlfahrtsstelle sowie der Bibliothek, die ab 1911 durch den Ankauf von ca. 5.000 Büchern alter sowie neuer hebräischer und jiddischer Literatur zu einer der größten jüdischen Bibliotheken Deutschlands erweitert wurde. Die Wohlfahrtsstelle wurde besonders wichtige nach dem Ersten Weltkrieg. "Ihre Leistungen umfaßten sowohl die Hilfe in komplizierten wirtschaftlichen Verhältnissen, die Gesundheits-, die Alters- und Jugendfürsorge, sowie die Unterstützung durchreisender Juden. Partner bei diesen Aufgaben waren über 15 Vereine, die sich unterschiedlichen Bereichen widmeten. Als Beispiel seien hier der 1807 gegründete Krankenhilfsverein 'Mischenes Chaulim' ('Zur Unterstützung der Kranken"), der "Israelitische Armenunterstützungsverein" und die Beerdigungsbruderschaft "Chewra Kadischa", die bereits 1753 entstanden war, genannt. ... Die Ausgaben für die Wohlfahrt gehörten in jedem Jahr zu den größten Posten des Gemeindeetats." (zitiert nach: Juden in Dresden, Spurensuche, S. 44)
Ebenfalls in den Gemeinderäumen befand sich die Geschäftsstelle des Mendelssohn-Vereins, der 1829 durch bekannte Dresdner Familien gegründet worden war und sich zu einer der effektivsten Wohltätigkeitseinrichtungen der Israelitischen Religionsgemeinde entwickelt hatte. Den Zielen des Vorkämpfers für die Gleichberechtigung der Juden verpflichtet bemühte sich der Verein besonders um die rechtliche Gleichstellung von Juden und Judentum in Sachsen. Er widmete sich besonders der Erziehung der neuen jüdischen Generation und der Veränderung der sozialen Struktur der ärmeren Schichten durch berufliche Ausbildungskurse. Nach dem Ersten Weltkrieg bereitete der Verein sowohl Jungen als auch Mädchen auf das Leben in Palästina vor und kämpfte gemeinsam mit dem "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gegen den wachsenden politischen Antisemitismus.
Durch die Zuwanderungsbewegung aus Osteuropa kamen Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend strenggläubige Juden in die Stadt, die mit der liberalen Ausrichtung der Semper Synagoge ihre Schwierigkeiten hatten und ihre eigenständigen Gottesdienste nach orthodoxen Riten abhalten wollten. So entstanden drei Betstuben in der Moritzstraße, der Landhausstraße 13 und der Sporergasse 2. Die Orthodoxen gründeten auch zahlreiche Wohltätigkeitsvereine. Das Haus in der Moritzstraße gehörte dem" Bnei Brith Orden" ("Brüder des Bundes"), der dort auch einen Kinderhort, eine Mittelstandsküche und ein Ferienheim unterhielt. Rabbiner in der Moritzstraße und wahrscheinlich auch in den beiden anderen Betstuben war Dr. Max Schornstein, der ebenfalls aus Polen stammte. Der orthodoxe Verein "Schomre Hadas" (Hüter des Gesetzes") hatte das Gebäude Ziegelstraße 54 erworben und dieses mit der dort 1923 eingerichteten Mikwe zu einem religiösen Zentrum gemacht.
Die Juden in Dresden hatten einen wesentlichen Anteil an Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Kunst. 1919 wurde z.B. Georg Gradnauer erster Ministerpräsident des Freistaates Sachsen und danach Reichsinnenminister. Während der Weimarer Republik war eine große Anzahl von Juden in politischen Parteien wie DDP, SPD und KPD aktiv, waren Abgeordnete, Journalisten , Rechtsanwälte in politischen Strafsachen.
Auch in sozialer Hinsicht engagierten sich Juden aus Dresden. Im Jahre 1909 wurde von der 1885 gegründeten Fraternitas-Loge, einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisation, das Kindererholungsheim Oberrochwitz eröffnet, in dem alljährlich mehrere hundert Kinder verschiedener Konfessionen ihre Ferien verbringen konnten. Mit dem Verbot der Fraternitas-Loge im April 1937 durch die NS-Behörden musste das Erholungsheim geschlossen werden. Die Fraternitas-Loge hatte auch einen Kinderhort, ein Mädchenheim und weitere soziale Einrichtungen ins Leben gerufen. Im Jahre 1904 wurde in dem Henriettenstift, einer Sozialeinrichtung der schon im Jahr 1851 gegründeten jüdischen Stiftung eines Bankiers, das Altersheim der Jüdischen Gemeinde eingerichtet. Das Henriettenstift konnte bis zu Beginn der vierziger Jahre seine caritative Tätigkeit fortführen. 1942 jedoch wurde es zu einem Sammellager für die Deportationen in das Konzentrationslager Theresienstadt umfunktioniert. An dem Gebäude, das heute ein Studentenwohnheim der Technischen Universität Dresden ist, wurde eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:
"Vor der Zerstörung Dresdens stand an dieser Stelle das Altersheim der jüdischen Gemeinde – Henriettenstift. Hier begann 1942-43 der Leidensweg jüdischer Menschen und endete in dem Vernichtungslager Theresienstadt."
Mit der Machtübertragung durch den Reichspräsidenten von Hindenburg an Hitler und die NSDAP begannen im Rahmen der antisemitischen Politik, wie überall in Deutschland auch für die Dresdner Juden Diskriminierung, Ausgrenzung, Entrechtung, Ausplünderung, Vertreibung und Vernichtung der Menschen und damit der Synagogengemeinde.
Vom 27. bis 29. Oktober 1938 wurden die 724 polnischen Juden, die zumeist schon Jahrzehnte lang in Deutschland gelebt hatten, in das Niemandsland zwischen Deutschland und Polen abgeschoben. Knapp zwei Wochen später wurde durch die Brutalität der Pogromnacht das Zeichen gesetzt, dass auch die deutschen Juden das Land verlassen sollten. Viele Dresdner Juden hatten sich schon zuvor durch Flucht ins Ausland gerettet, jetzt setzte eine verstärkte Emigrationswelle ein. Lebten 1933 etwa 6.900 Juden in Dresden, so waren es laut Volkszählung vom Mai 1939 noch 1.600.
Nach dem Verlust ihres Miet- und Kündigungsrechtes Ende April 1939 wurden die verbliebenen Juden in sog. "Judenhäusern" zusammengepfercht. Ende Januar 1942 begannen die Deportationen. Die Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 ermöglichten den wenigen Dresdner Juden, deren Deportation bereits geplant war, zu fliehen oder unterzutauchen.
Die Semper-Synagoge war bei dem Pogrom von 1938 und den späteren Bombenangriffen völlig zerstört worden, ebenso die meisten der Häuser, die in jüdischem Besitz waren oder in denen Juden lebten. Die beiden Israelitischen Friedhöfe überstanden wie durch ein Wunder diese Jahre und geben heute Zeugnis ab über das jüdische Leben vor der Zerstörung der Synagogengemeinde.
Im November 1988 wurde vom Arbeitskreis "Begegnung mit dem Judentum" die von den Grafikern Karl-Heinz Lötzsch und Martin Hänisch geschaffene Gedenktafel an der evangelischen Hauptkirche von Dresden angebracht. Die Gedenktafel mit dem siebenarmigen Leuchter trägt die Inschrift:
"In Scham und Trauer gedenken Christen der jüdischen Bürger dieser Stadt. 1933 lebten in Dresden 4.675 Juden. 1945 waren es 70. Wir schwiegen, als ihre Gotteshäuser verbrannt, als Juden entrechtet, vertrieben und ermordet wurde. Wir erkannten in ihnen unsere Brüder und Schwestern nicht. Wir bitten um Vergebung und Schalom. November 1988."
Nach Kriegsende fanden sich Überlebende zusammen, um die jüdische Gemeinde neu zu gründen. Ab 1946 erhöhte sich die Zahl durch Zurückkehrende aus den Lagern und aus der Emigration. Ende der 40er Jahre wuchs sie auf 200 Personen. Später nahm die Anzahl der Mitglieder wegen der altersmäßigen Zusammensetzung wieder ab. Seit 1990 erhält die Gemeinde jedoch Zuwachs durch einwandernde Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Die Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsens "HATiKVA" e.V. bemüht sich um Aufarbeitung der jüdischen Geschichte.
Sources: Juden in Dresden, Spurensuche, hrsg. von HATiKVA, Hamburg 1996; Michael Brocke u.a., Stein und Name, Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland, Berlin 1994 / Beit Ashkenaz;
Bernd-Lutz Lange, Dresden, unveröffentlichtes Manuskript, o.J.;
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